Tokyo

Die kleine Whiskybar in Tokyo

An den ersten beiden Tagen einer Reise über mehrere Zeitzonen torkeln gewöhnlich die weniger robusten Vertreter unserer Art in einem jetlaginduzierten Mix aus Euphorie, Müdigkeit und moderater Verwirrung durch die jeweilige Hauptstadt, die das übliche Ziel eines Langstreckenfluges ist. Man erlebt sich selbst als Anderen, Fremden, der sich in einem Koordinatensystem mit allzu vielen geänderten Parametern (Geräuschen. Gerüchen, Geschmäckern, Gestiken) wiederzufinden versucht. Hat die Reise einen Zweck, ganz gleich ob einen erfundenen oder einen echten, erleichtert das die Orientierung und richtet den malträtierten inneren Kompass schneller neu aus als eine eher sinnfreie Unternehmung: es entsteht eine vereinfachte Metrik für die Bestimmung der eigenen Position im multidimensionalen Zustandsraum unserer inneren Landschaften.

Anders gesagt: besteht der – in unserem Fall erfundene – Zweck der Reise in der Erforschung zweier kulinarischer Höhepunkte der Kulturgeschichte der Menschheit, ist der Besuch entweder eines Teehauses oder einer Whiskybar eine Möglichkeit, dem inneren Taumel zu entkommen. Am Abend des zweiten Tages fanden wir in der Umgebung unseres Ryokan letzteres.

Tokyo präsentierte sich tagsüber mit 33 Grad im Schatten und 98% Luftfeuchtigkeit nicht gerade als Luftkurort. Wir sind ein wenig durch die Stadt geschlendert, aßen in Shinjuku unser erstes Sushi, organisierten in Tokyo (dem zentralen Stadtteil, der der Stadt ihren Namen gibt) unsere Weiterfahrt nach Hokkaido – zur ersten Destille sowohl Japans als auch unserer Reise -, suchten im einen oder anderen Elektronikkaufhaus nach unbekanntem Zeugs, und spülten unser lecker Abendessen in einem einfachen Lokal mit drei oder vier Gläsern Sake hinunter. Saubere Sache, soweit.

Auf dem Heimweg suchten und fanden wir dann unsere erste auf Whisky spezialisierte Bar, einen vielleicht zwei Meter breiten und acht Meter langen Schlauch mit Platz für etwa 18 Japaner oder 12 Europäer. Drinnen saßen ein Pärchen (sie Nagellackiererin, er Computerspielprogrammierer – als solche haben sich die beiden jedenfalls vorgestellt) und ein Angestellter mittleren Alters, gehobener Dienst (so habe ich ihn mir vorgestellt – eine Phantasie, aber sie transportiert das Bild). Der Barmann war ein vielleicht 30 Jahre junger Mann.

Stefan analysierte das Angebot und fand eine Reihe hochwertiger japanischer und schottischer Whiskys, neben all jenen profaneren Produkten, die man auch bei Reichelt findet. Die einzige Dame im Raum sprach etwas Englisch (sie habe drei Jahre in London gelebt) und übersetzte – die Stimmung war wirklich nett. KeineR der Anwesenden trank Whisky (sondern Bier bzw. die lokale Version eines Mojito), also suchte Stefan einen 17jährigen Habiki aus und fragte nach dem Preis. Ein Glas kostete 1.700 Yen – schlappe 17 Euro. Japan halt. Überteuert, aus unserer Sicht. Hätten wir allerdings sparen wollen, hieße dieses Blog „Polen – Hagebuttentee und Wodka“ (womit nichts gegen diese drei gesagt sei). Also: bestellt! Als Vertreter der Grünteekultur verzichtete ich aber und ließ mir einen Kompromiss vorschlagen: einen alterslosen Nikka Single Malt für nur 1.000 Yen (rechnet selbst um). Kein Spitzenprodukt, aber auch kein J. Walker (etwas neidisch schielte ich auf den Mojito der Nagellackiererin).

Wir nippten.

Und realisierten ein enormes Manko der Bar. Diese war nur schwach klimatisiert, die Innentemperatur betrug vielleicht 26 Grad. Tagsüber, so unsere Vermutung, wird sich der Raum aber aufgeheizt haben und damit die im Regal stehenden Whiskys ebenfalls. Zwar werden hochwertige Whiskys nicht wie Cuba Libre mit Eis getrunken, aber ebensowenig handwarm.

Das minderte den Genuss immens. Whisky muss sich entspannt ausbreiten, seine Geschichte aufbauen, sein Drama schlüssig entfalten, wenn er auf Zunge und Gaumen trifft. (Relativ, aber nicht sehr) kalt muss auf (relativ) warm treffen, ihr Gegensatz eine Spannung erzeugen; fängt er zu warm an, ist das wie wenn Scarlett O’Hara gleich in der ersten Szene Red Butler ihre Liebe gestünde: ihr verzweifeltes „Red…. Red….“ würde kaum wirken, und den Abgang Butlers verstünde man auch nicht.

So war es auch nicht der Wind, der uns bald in unser Ryokan wehte, sondern die Air Condition und der Futon, die uns lockten, denn am folgenden Morgen würde die Bahn uns nach Hokkaido bringen, was eine Checkout-Zeit von 6:45 Uhr erforderte, die – nach Abzug einer Stunde pro Tag vom Jetlag – einer inneren Uhrzeit von 1:45 Uhr entsprach. Gute Nacht.

Oktober 2017
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