Die Whisky-Destille in Yoichi auf Hokkaido

Einige hundert Kilometer nördlich von Tokyo beginnen wir unsere Whiskydestillensafari. Die Fahrt nach Hokkaido (Googeln findet gleichermaßen die nördlichste der vier japanischen Hauptinseln und den ursprünglich von dort stammenden leckeren Kürbis) dauert gut 9 Stunden mit dem Zug und führt durch den fast 54 km langen Seikan-Tunnel, der die Hauptinsel Honshu mit Hokkaido verbindet. Dieser längste im Betrieb befindliche Tunnel der Welt hat seine tiefste Stelle mit klaustrophobischen 240 Metern gut 90 Meter unter dem Meeresboden.

Von Sapporo aus, wo wir uns im Nakamuraya Ryokan niedergelassen haben und eine Gastfreundschaft genießen, die Japan noch nicht exportiert hat (oder gibt es bei uns vielleicht keinen Markt dafür?), fahren Lokalzüge weiter in das kleine 20.000-Seelen-Städtchen Yoichi, das innerhalb Japans nicht nur für seinen (wirklich süffigen) Apfelsaft bekannt ist, sondern in dem auch die ältere der beiden Nikka Whisky-Destillen beheimatet ist. Jedes Jahr werden hier viele japanische und einige internationale Touristen empfangen und finden einen durchaus nicht üblen Theme-Park mit Whisky-Museum, Bar, Shop, Video-Shows und den begehbaren (Schuhe: natürlich ausziehen) Gemächern des Gründers Masataka Taketsuru vor. Moderne Authentizitätstouristen mit Anspruch mögen die Nase rümpfen, wir hingegen fanden, auch wenn unsere ursprüngliche Phantasie, in privater Runde mit einem schrullig-weisen japanischen Meister-Whisky-Blender dessen älteste Privatvorräte zu verkosten, nicht objektive Wirklichkeit geworden ist, die Anlage sehr schön. Der Besuch ist kostenlos, und obendrein gibt es für jeden Besucher, der nicht mit dem Auto hier ist (Fahrer werden angehalten, sich einen Aufkleber ans Revers zu heften, der – ich übersetze aus dem Japanischen – in etwa sagt „Dem hier keinen Alkohol einschenken“), ebenfalls kostenlos ein Mini-Tasting mit zwei angemessen ausgewählten Whiskys und jeweils einem Gläschen Apfelwein, Apfelsaft und grünem Tee.

Die wirklich hochklassigen Tropfen werden dann an der Bar weiter hinten im Museum ausgeschenkt – gegen einen winzigen Unkostenbeitrag. Leider steht der Euro derzeit gar nicht gut zum Yen, was aber in typisch japanischer Effizienz die Ballermänner der Welt abschreckt wie roher Fisch die Freunde deutscher Hausmannskost. Stefan wählte souverän eine Serie von Single Cask (Cask Strength)-Proben aus: eine 5, eine 10, 15 und so weiter bis 25 Jahre alte Abfüllung, die jeweils eine andere Geschichte erzählten und allesamt wert waren getrunken zu werden. Jede Probe umfasste 15 cl und kostete zwischen 250 und 900 Yen (der niedrig stehende Euro spielt hier einen seiner armseligen Vorteile aus: weil der Umrechnungskurs aktuell, also im September 2012, ungefähr 1 zu 100 ist, lässt sich das auch im fortgeschrittenen Alkoholstadium noch relativ korrekt um– aber nicht ohne weiteres schönrechnen). Im Großen und Ganzen kommt das aber billiger als ein Rundflug über Kaiserslautern.

Viel zu erfahren ist vom Barmann nicht – wie die meisten Japaner ist er des Englischen nicht wirklich mächtig. Immerhin deutete er auf die 10 Jahre alte Variante, von der wir als letztes kosteten (unsere Reihenfolge war recht kreativ) und meinte, dies sei sein „favorite“, er sei aus einem „neuen Fass“. Und tatsächlich: dieser junge Whisky besaß erstaunliche Qualitäten, wie sie die meisten seiner schottischen Altersgenossen nicht vorweisen können. Eine kleine Flasche desselben haben wir erworben. Leider wird sie im Handgepäck – und nur solches führen wir mit – nicht die Sicherheitskontrolle des Narita International Airport überwinden, also ist ihr Schicksal ungewiss. Schaun wir mal.

Oktober 2017
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