Whisky

von Stefan

Whisky? Whisky!

Whisky ist Kunst. Das übliche Duty-free-single-malt Gebräu verhält sich zu gutem Whisky wie Wolfgang Petri zu Richard Wagner. Beides ist durch den Begriff „Musik“ miteinander verbunden und hat doch nur wenig miteinander gemein.

Kunst berührt, bewegt und erzeugt für einen Augenblick Erfüllung. Kunst liegt genau in jener Zwischenwelt von Beschreibung und nicht mehr Beschreibbarem. Wenige Tropfen eines 43-jährigen Tomintoul verzaubern. Im ersten Augenblick berührt etwas Sanftes die Zunge, einen Wimpernschlag später befindet sich eine reife Birne gemeinsam mit Pflaume und gelber Quitte im Mund – rasch vollzieht sich eine Wandlung; es öffnet sich etwas Großartiges, ganz so, als würden sich Geschmacksdimensionen in Raum und Tiefe hinzufügen. Gebannt richten sich Aufmerksamkeit und Erwartung auf die Zunge und den Gaumen. Eine Blüte entfaltet sich, Birne, Pflaume und Quitte treten sanft in den Hintergrund und werden umspielt von dunklem Honig, frischer Eiche, vibrierendem Mahagoni, Melone, Blaubeere und Banane. Keineswegs alle gemeinsam, vielmehr räumlich hintereinander angeordnet, im Tempo eines sich langsam öffnenden Fächers – jeder Geschmack formt dabei seinen eigenen Raum von klein, zart und verspielt bis groß und ausfüllend. Für Bruchteile einer Sekunde verschränken sich einige Aromen ineinander, um sich dann wieder voneinander zu lösen. Unwillkürlich wandelt sich der hoch konzentrierte Gesichtsausdruck in ein Lächeln. Auf dem geglaubten Höhepunkt angelangt – im Augenblick des Herunterschluckens – scheint der Whisky aus dem Mund verschwunden und ist präsenter als zuvor. Der „Abgang“ beschert dunklere Töne; etwas Gras und Erde, alte Eiche, reife Honigmelone, eine stilles Mahagoni mit Rum-Rosinen und einer Spur Marzipan. Die Augen öffnen sich, Gedanken schießen durch den Kopf „so etwas gibt es doch gar nicht“ – „das habe ich noch nie erlebt“. Manche Whiskys ermöglichen fraglos transzendente Erfahrungen.

Wie bei aller Kunst gelingt die Begegnung nur selten ohne Vorbereitung. Beim Whisky ist mehreres zu beachten: Ein Kennenlernen sollte im Rahmen eines Tastings erfolgen. Bestandteile sind mindestens eine ganz gute Stimmungslage, wenig Stress sowie ein vorheriges Essen mit Weißwein oder 1-2 Gläsern Champagner. Sinnvoll ist das Probieren von 6-8 verschiedenen Flaschen in einer qualitativ aufsteigenden Reihenfolge. Es ist offensichtlich so, dass sich erst ab dem 3. oder 4. Whisky die Wahrnehmung ausreichend geöffnet und eingestellt hat. Es schadet nicht, die speziellen Whiskygläser (dünnwandig und bauchig) eine Stunde vor dem Trinken zu füllen, um für ein ausreichendes Lüften des Whiskys zu sorgen. Die Trinktemperatur ist wichtig und sollte etwa einer kühlen Raumtemperatur entsprechen, welche durch das Halten des Glases in der Hand ein wenig erhöht wird. Wenige Grade zu warm oder zu kalt verschließen viele Aromen.

Der erste Kontakt erfolgt immer über die Nase – langes und intensives Riechen steht vor dem ersten Schluck. Der sollte dann immer sehr klein sein, mehr ein Nippen als ein Schluck. Etwas spielen und probieren ist gut. Den Whisky dann langsam über die Zunge zerrinnen lassen, schlucken, dabei nicht sprechen. Konzentration und Entspannung sind zugleich gefragt. Die Entspannung ermöglicht die Entfaltung des Aromas, die Konzentration organisiert die Wahrnehmung. Frühere Meditationserfahrungen sind nützlich.

Dezember 2017
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