Ryokan

„Ryokan“ ist Japanisch und bedeutet leider nicht „großartig, zuvorkommend, gastfreundlich, luxuriös, liebenswert“, sondern schlicht „Reisegasthaus“. Diese Zeilen entstehen in einer eher preiswerten Variante, dem Nakamuraya Ryokan in Sapporo (ein Zwei-Personen-Zimmer – Betten im westlichen Sinne gibt es in Ryokans nicht – kostet pro Langnase 6.000 Yen, was zur Zeit etwa 60 EUR entspricht).
Viele Ryokans verstehen Gastfreundschaft und Service in einer Weise, die die westliche in die Ecke stellt und dabei „schäm dich“ rufen darf. Das Gefühl, mitdenkend umsorgt zu werden, wurde vermutlich vor vielen Jahrhunderten in Japan erfunden und inzwischen perfektioniert.

Betritt man das Zimmer, stehen grüner Tee und eine süße lokale Spezialität bereit. Eine Dame in traditioneller Tracht (Kimono halt) erklärt jedes Detail und weist darauf hin, dass es in seltenen Fällen möglich sei, dass sie unsere Wünsche nicht vorausahnen könne und wir sie dann bitte telefonisch – Durchwahl 5 – davon in Kenntnis setzen mögen. Sie halte dies für einen Mangel ihrerseits, man möge ihr verzeihen. „Wir denken mal darüber nach“, erwidern wir, woraufhin sie sich verbeugt, bedankt und rückwärts das Zimmer verlässt.

Das Leben spielt sich in Bodennähe ab. Vor dem flachen Tisch laden zwei Sitzkissen zum Niederlassen ein. Ebenfalls flach: der Fernseher in der Ecke. Es warten zwei Thermoskannen, eine mit eiskaltem Wasser (darin klackern auch am nächsten Morgen noch Eiswürfel) und eine mit heißem, für den grünen Tee. Ein zunächst sinnfrei erscheinendes Gefäß nimmt die nassen Teeblätter auf, nachdem sie ihren Geschmacksstoffe an den Inhalt der besagten zweiten Theromskanne abgegeben haben.

Im Wandschrank liegen zwei Kimonos auf einem Stapel duftender Handtücher. In diese geschlüpft und in Schlappen der Größe 40 schlurfen wir dann täglich in den hauseigenen Onsen, wo wir mit nackten japanischen Männern ein großes Becken mit sehr warmem Wasser teilen (welches in besseren Ryokans fortwährend ausgetauscht wird; in anderen erscheint der Wunsch aller Gäste, als Erste zu baden, recht verständlich).

Auf dem Futon mit weichem Federbett und Kirschkernkissen träumt es sich nicht schlecht von Dingen, die in einer anderen Raumzeit liegen, sodass uns die Rezeptionsdame kurz vor Ende des Frühstückszeitfensters (hier: kurz vor 9 Uhr) weckt, weil wir – wie recht sie hat – ansonsten Gefahr liefen, ein beachtliches Essen zu versäumen (wir sind ja noch im Jetlag). Dieses japanische Fastenbrechen stellt dann souverän alles in den Schatten, was auf dem Rest der Welt so unter Frühstück läuft.

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